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Sarah Nick gab einen Einblick in die Peer-Arbeit.
1/1 Bild: z.V.g. Sarah Nick gab einen Einblick in die Peer-Arbeit.
05.09.2019 13:30

Psychisch Kranke helfen psychisch Kranken

Selbsthilfe Thurgau hat den Projektabschluss «Peer-Begleitung» in der alten Brauerei Weinfelden gefeiert. Unter dem Titel «Wie verändern Peers die Psychiatrie» fanden verschiedene Referate statt. Sie zeigten auf, wie sich die Arbeit von Peers in den vergangenen vier Jahren entwickelt hat und welche Erfolge verzeichnet werden konnten.

Weinfelden Rund vierzig Fachkräfte, Interessierte und Peers sind der Einladung von Selbsthilfe Thurgau gefolgt und haben sich lebhaft ausgetauscht. Nach der Begrüssung von Heidi Güttinger, Präsidentin des Vereins Selbsthilfe Thurgau, schilderte Ingeborg Baumgartner, Stellenleiterin von Selbsthilfe Thurgau, den Verlauf dieses Projektes in den letzten vier Jahren. Von anfänglich geplanten 150 Einsatzstunden wurden es bis zum Projektende 660 Stunden. Nicht nur die Peer-Begleitung der Selbsthilfegruppen waren ein Erfolg, sondern auch die Durchführung von Recovery-Seminaren in Zusammenarbeit mit der Ambulanten Erwachsenenpsychiatrie der Spital Thurgau AG. Durch eine Erhöhung der kantonalen Beiträge konnte das Projekt nun in den Regelbetrieb überführt und die Peer-Begleitung als Dienstleistung der Selbsthilfe Thurgau angeboten werden. Selbsthilfe als Förderung von Eigeninitiative, Verantwortung und Solidarität unter Gleichbetroffenen.

Peers als Genesungsbegleiter teilen ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit anderen psychisch Kranken. Dies erfolgte während verschiedenen Einsätzen z.B. in ambulanten Tageskliniken, in Vorstellungsrunden bei stationären Einrichtungen sowie in der Ausbildung an Schulen für Gesundheitsberufe oder Weiterbildungsanlässen für Personal aus dem Gesundheitswesen. Die von Peers begleiteten Austauschgruppen erreichten mehr Stabilität und die Zufriedenheit und Verbindlichkeit der Teilnehmenden wurde gesteigert.

Ein Erfolgserlebnis war die Durchführung von Recovery-Seminaren. Die sechs Abende werden von Peers geleitet und bieten Menschen mit einer psychischen Erschütterung eine wertvolle Begleitung auf ihrem Genesungsweg. Recovery wird oft als das Ende der Unheilbarkeit oder Abschied vom Mythos der Unheilbarkeit betitelt. Alle Absolventen des Recovery-Durchlaufs haben anschliessend die Möglichkeit, die Selbsthilfegruppe «Zältli» zu besuchen, um weiterhin an ihrer Krisen- und Alltagstauglichkeit zu arbeiten. Nachträgliche Umfragen haben ergeben, dass von den Teilnehmenden fünf Personen wieder in den ersten Arbeitsmarkt eingetreten sind.

Einen interessanten Blickwinkel der Peer-Arbeit vermittelte danach Sarah Nick. Sie ist die erste Peer-Mitarbeiterin, welche für Selbsthilfe Thurgau im Einsatz war und berichtete über die Verbindung zur Selbsthilfe Thurgau und die Entwicklung ihrer Arbeit nach ihrer Peer-Ausbildung. Von Nicole Lieberherr, wissenschaftliche Assistentin der Fachhochschule St. Gallen, erfuhren die Gäste Details zur Projekt-Zwischenevaluation und Schlüsse, die daraus für die weitere Projektarbeit gezogen wurden. Den Abschluss der Referate machte Dr. Ralf-Peter Gebhardt, Leiter der Ambulanten Erwachsenenpsychiatrie der Spital Thurgau AG. Er lobte die wertvolle und sinnvolle Peer-Arbeit und gibt ihr für die Zukunft grosse Entwicklungs-Chancen und Gewichtung als Ergänzung zum bestehenden Therapieangebot. Als Beispiel und Vorbild nahm er das Projekt Omnibus in Bregenz/Österreich.

Gegen Ende gab es Runde-Tische-Gespräche. Peers standen den Gästen Rede und Antwort. Gemeinsam wurde über weitere mögliche Peers-Einsätze in der Zukunft diskutiert. Visionen wurden auf Papier gebracht. Im Kanton Thurgau könnten beispielsweise Peers für die IV tätig werden, für Pro Infirmis Betroffene begleiten oder in verschiedenen Abteilungen der Kantonsspitäler tätig werden. Während dem anschliessenden Apéro konnte ungezwungen weiter diskutiert werden und es fanden wertvolle Vernetzungsgespräche statt.

red