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Raphael Gerster hat gemeinsam mit fünf Kollegen die App Glocalmeets entwickelt.
1/1 tas Raphael Gerster hat gemeinsam mit fünf Kollegen die App Glocalmeets entwickelt.
18.09.2019 08:01

Eine App, die Grenzen überwindet

Raphael Gerster gibt seit bald vier Jahren Asylsuchenden in Weinfelden Deutschunterricht. Nun hat der Bankkaufmann einen weiteren Schritt in Sachen Integrationshilfe getan und eine App entwickelt, mit der jeder Thurgauer einem Menschen mit Fluchthintergrund auf einfachste Weise helfen kann.

Weinfelden Mariam kennt den Weg inzwischen auswendig. Die ersten Male musste sie noch auf dem Handy schauen, wo Yvonne genau wohnt. Es ist wieder Mittwochabend. Mariams Tag war anstrengend. Im Deutschkurs hatte sie heute Mühe, den Lehrer zu verstehen. Sie ist froh, dass ihr Yvonne gleich bei den Hausaufgaben helfen wird. Im Haus 2b, zweitoberste Klingel. «Komm rauf», tönt es durch die Gegensprechanlage. Die Tür steht offen. Das tut sie immer, damit Yvonne nicht zu lange vom Herd weg ist. «Hallo Yvonne», ruft Mariam und legt ihre Jacke auf die Garderobe. «Ich bin in der Küche. Was magst du trinken?», ruft Yvonne zurück. Mariam beginnt den Tisch zu decken. «Heute gibts Tomatenrisotto und Bohnen», sagt Yvonne. Sie kennt Mariam erst seit vier Monaten. Aber die Fortschritte, die sie in dieser Zeit gemacht hat, sind deutlich zu hören.

Jeder kann etwas lehren

Kennengelernt haben sich die beiden Frauen über die App Glocalmeets. Diese bietet eine Plattform, die Geflüchtete und Thurgauer zusammenführt. Das heisst, es registriert sich, wer Hilfe braucht und wer Hilfe anbieten kann. Zum Beispiel im Bereich Schule, Bewerbungsschreiben, Kultur, Sport, Sprache, etc. Beim Registrieren gibt man als Thurgauer an, in welchen Bereichen man einem Menschen mit Fluchthintergrund helfen könnte. Raphael Gerster und Severin Joho, Mitorganisatoren und Kooridinatoren, versuchen dann, passende Integrationspartnerschaften zu finden. Ist für einen Asylsuchenden ein passender Thurgauer gefunden, lädt Glocalmeets zum Kennenlerntreffen. An diesem haben sich auch Mariam und Yvonne das erste Mal getroffen. Beide waren nervös, Yvonne machte sich Sorgen, wie sie Mariam erklären soll, was sie arbeitet und legte sich bereits zurecht, wie sie es ihr mit Händen und Füssen erklären wird. Mariam hingegen hatte Angst, dass Yvonne sie nicht verstehen wird. Deutsch konnte sie damals kaum, Englisch sowieso nicht. Aber das Treffen lief gut. Die Sympathie stimmte und alles andere entwickelte sich an diesem Abend wie von selber. Mit Raphaels Unterstützung und Beratung machten sie ab, sich jeden Mittwochabend im Kaffee zu treffen, um einfach ein bisschen zu reden und sich besser kennenzulernen. Mariam suchte über die App jemanden, der ihr beim Deutschlernen helfen kann. Yvonne ist zwar keine Lehrerin, als gebürtige Thurgauerin aber sattelfest und hat die nötige Geduld, Mariam zu helfen. Drei Mal haben sie sich im Kaffee getroffen. Beim vierten Mal lud Yvonne die junge Eritreerin das erste Mal zu sich nach Hause zum Abendessen ein. Bis heute essen die Frauen jeden Mittwochabend gemeinsam und reden über ihren Tag. Nach dem Essen gibt es immer einen Tee. Dann geht's an die Arbeit. Gemeinsam lösen sie die Aufgaben von Mariams Deutschunterricht. «Wenn du so weitermachst, können wir uns bald um die Lehrstellensuche kümmern», sagt Yvonne. Mariam träumt davon, in einem Bekleidungsgeschäft als Detailhandelsfachfrau zu arbeiten. Sie weiss aber, dass dies ohne gute Deutschkenntnisse nicht möglich ist.

Auch wenn die Geschichte dieser beiden Frauen frei erfunden ist, könnte sich ein Treffen über Glocalmeets so entwickeln. Dass dabei eine solch freundschaftliche Beziehung entsteht, sei aber absolut kein Muss, erklärt Gerster. Denkbar sind genauso lockere Gespräche beim Kaffee, beim gemeinsamen Spaziergang oder auf der Joggingrunde. Wertvoll sind auch Momente, in denen der Geflüchtete auch andere Menschen aus der Region kennenlernen kann. Als Beispiel nennt Gerster gemeinsame Besuche des Sportvereins.

Wertvoll für alle Beteiligten

Ab und an erkundigt sich Gerster bei den Integrationspartnern wie es läuft. Sonst mischt er sich nicht in die Treffen ein. Er als Organisator hat seinen Job mit der Vermittlung getan. Aber Glocalmeets steht den Projektteilnehmern bei Fragen oder Anliegen jederzeit zur Seite. Helfen sollen die Treffen im Übrigen nicht nur den Integrationswilligen, sondern auch den Integrationspartnern. Grenzen sollen überwunden, Menschen als Menschen und nicht als Einheimische oder Nicht-Einheimische betrachtet werden.

Von Tamara Schäpper