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Rinaldo Hädener ist mit Begleiterin Felix Hangartner unterwegs auf der Piste westlich des Verkehrssicherheitszentrums.
1/1 Bild: wl Rinaldo Hädener ist mit Begleiterin Felix Hangartner unterwegs auf der Piste westlich des Verkehrssicherheitszentrums.
04.03.2019 14:26

Blinde und Sehbehinderte am Steuer

Auf Einladung des Verkehrssicherheitszentrums Thurgau AG setzten sich am Samstag neun sehbehinderte und blinde Menschen ans Steuer.

Weinfelden Es herrscht eine lockere und fröhliche Stimmung im Theorieraum des Verkehrssicherheitszentrums, wo VR-Mitglied und Geschäftsführer Marco Vidale zusammen mit den fünf Fahrlehrern Sara Franzen, Alexandra Giordano, Felix Hangartner, Roland Peter und Marco Ritter die neun Hauptakteure im Alter zwischen 16 und 76 Jahren und ihre sieben Begleiter begrüsst. «Sehbehinderte und blinde Menschen bewegen sich täglich unter erschwerten Umständen im Strassenverkehr und heute vermittelt man ihnen das Erlebnis, am Steuer zu spüren was Autofahren ist», sagt Gabi Waber von der Schweizerischen Caritasaktion der Blinden. Roland Topol ist seit seiner Pensionierung vor elf Jahren jährlich zwischen zwei und zwölf Wochen unterwegs als Blindenbegleiter. «Ich habe noch selten erlebt, mit wie viel Spass und Begeisterung diese Menschen beim Autofahren dabei sind und die Erwartungen übertroffen wurden», stellt der Begleiter fest. Und was ihn besonders beeindruckt: «Es kommt uns als Begleiter eine grosse Dankbarkeit entgegen».

Kennenlernen der Pistenlänge

Die fünf Fahrlehrpersonen haben klare Vorstellungen über diesen Tag: «Für uns bedeutet diese Art von Autofahren eine Herausforderung, die uns erfüllt. Dabei müssen wir uns alle an gewisse Abläufe halten». Ihr gemeinsames Ziel: Ein besonderes Erlebnis vermitteln. Einige der Sehbehinderten und Blinden fuhren schon einmal auf dem abgesperrten alten Militärflugplatz von Ambri Piotta, für die Andern beginnt im Grunde eine ganz normale erste Fahrstunde, nur mit dem Unterschied, dass der Fahrlehrer den Arm führt um zu zeigen, wo sich die verschiedenen Bedienelemente befinden. «Ich möchte einfach Gas geben», ruft ein Sehbehinderter. Ein Wunsch, der auf der 150 Meter und 50 Meter breiten Trainingspiste nur beschränkt erfüllt werden kann. Im Anschluss an die Erklärung der drei automatischen und zwei von Hand geschalteten Fahrzeugen, erfolgen das Anfahren und Anhalten in grossen Abständen, das Ertasten von auf der Fahrbahn platzierten Hindernissen und das Kennenlernen der Pistenlänge. Eine besondere Erfahrung ist auch das Spüren der unterschiedlichen Fahrbahnoberflächen wie Teer, Gras, Kies und Wasser und ein damit verbundener Slalom.

Bremsen auf dem Gleitbelag

Rekorde werden keine aufgestellt, aber nur im Standgas umhergrollt wird auch nicht. Auf 20, 30, 40 und gar mehr Kilometer pro Stunde bringen es einige und auch Vollbremsungen sind zu sehen. Manche davon mit Absicht, manche, weil die Dosierung der Bremse noch ungewohnt ist, dies wie in jeder andern ersten Fahrstunde auch. «Mich beeindruckt das Fahren durch den Regen und das Slalomfahren, ab und zu landete ich in der Wiese», strahlt Irene Karner. Die Erfahrung von Yanick Joss: «Wenn man selber hinter dem Steuer sitzt, Gas gibt und bremst, fühlt sich alles noch viel stärker an» und für Raphaela Bönisch steht fest: «Cool war das schnelle Fahren mit 42 km/h und das dabei gespürte Gefühl der Geschwindigkeit und der Kräfte». Fasziniert sind alle auch vom Mitfahren bei höheren Tempo und dem Bremsen auf dem Gleitbelag. Fahrlehrer Felix Hangartner ist zum ersten Mal dabei. Ihn begeistert die Freude und das Wichtigste ist für ihn dass diese Menschen spüren, dass sie im Auto gesessen sind. Nach der Schlussübung, welche Slalomstrecke, Kreisbahn, Bremsen auf dem Gleitbelag, Slalom, Kreisbahn und das Abstellen des Fahrzeuges aneinanderhängt sind sich alle einig: Ein unvergesslicher Tag mit vielen neuen Erfahrungen.

Werner Lenzin