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Chronik-Autor Elias Oswald und Zeitzeugin Margrit Sidler.
1/1 rab Chronik-Autor Elias Oswald und Zeitzeugin Margrit Sidler.
10.04.2019 09:05

100 Jahre im Dienste älterer Menschen

Die Pro Senectute Thurgau wird 100. Ein besonderes Ereignis, das aber nicht mit einem grossen, pompösen Fest gefeiert wird, sondern mit einer Chronik. «Das Zusammentragen der Fakten dient dazu, dass die Geschichte unserer Institution nicht in Vergessenheit gerät und unseren Nachkommen erhalten bleiben.»

Weinfelden So formulierte es Urs Haubensak, Präsident der Pro Senectute Thurgau, an der Informationsveranstaltung zu der nur ein paar wenige Menschen eingeladen waren. Unter ihnen auch Margrit Sidler, die bis 2013 Stiftungsratspräsidentin war und sich seit 1971 und bis heute, für die Seniorenarbeit engagiert. Zudem war sie bei der Recherchearbeit für die Chronik eine wichtige Zeitzeugin, die dem Autor, Elias Oswald, viele Fragen beantworten konnte. Der 27-Jährige studiert Wirtschaftsgeschichte und Ökonomie an der Universität Zürich und war Feuer und Flamme, als er von Raphael Herzog, Geschäftsführer der Pro Senectute Thurgau, den Auftrag bekam eine Chronik zu schreiben.

Es fehlten 50 Jahre

Im Stiftungsarchiv der Pro Senectute, einem kleinen Kellerraum unter der Zentrumspassage in Weinfelden, studierte Oswald in vielen Stunden die Akten: «Das Archiv ist in einem bemerkenswert guten Zustand. So wie man es sich als Historiker wünscht. Es gab jedoch einen Haken. Die Akten gingen nur bis ins Jahr 1970 zurück. Mir fehlten 50 Jahre Geschichte.» Der Grund? Vor 1970 habe es im Thurgau zwei Sektionen der Pro Senectute (damals noch «Stiftung fürs Alter») gegeben. «Eine gehörte zur evangelischen, die andere zur katholischen Kirche», weiss Oswald. Im Staatsarchiv Frauenfeld und im Pfarreizentrum Weinfelden wurde er jedoch fündig und stiess auf Unterlagen beider Sektionen. «Als sehr wichtig und aufschlussreich halfen ausserdem Tätigkeitsberichte, Sitzungsprotokolle, Sammlungsaufrufe und alte Zeitungsartikel. All diese Quellen bilden die Grundlage der vorliegenden Chronik», erklärt er.

Die Anfänge

Oswald berichtet, dass vor allem die ältere Generation im Zeitraum der Gründungssitzung vom 10. Februar 1919, also nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges, mit Hunger und Armut zu kämpfen hatte. Einige nahmen sich der Altersarmut an. Diese erste Gruppierung war evangelisch geprägt. Es konstituierte sich aber bald auch eine katholische Stiftung. Der Graben zwischen beiden Konfessionen war tief. Sie standen in Konkurrenz zueinander. «Nach anfänglichen Schwierigkeiten raufte man sich aber zusammen und sammelte jeden Herbst, wie auch heute noch, fleissig Geld für betagte Menschen», berichtet er. Ein Zitat aus den 20er-Jahren zeigt, dass dies auch bitter nötig war: «Ein alter Schuhmacher wohnt in einem von der Gemeinde angewiesenen kleinen Zimmer im Armenhaus, das ihm als Wohn- Schlafraum, Küche und Werkstatt dient. Sein Verdienst beträgt monatlich 10 bis 15 Franken, und nun ist er glücklich, sich mit unserem Zustupf von 10 Franken monatlich durchbringen zu können.»

Die AHV war ein Meilenstein

Nachdem die AHV-Vorlage 1931 vom Volk abgelehnt wurde, stimmten 76 Prozent der Thurgauer 16 Jahre später dann doch für die Altersvorsorge. Alle Senioren erhielten Ende Monat ein Couvert mit 40 Franken, waren somit finanziell versorgt, und so verschob sich das Tätigkeitsfeld der Stiftung bald in Richtung Freizeitgestaltung. «Altersnachmittage standen hoch im Kurs und besonders beliebt waren Dampfschifffahrten», berichtet Elias Oswald. 1970 kam es dann zum Zusammenschluss der beiden Sektionen, woraus die heutige Pro Senectute Thurgau entstand. «Die Einführung der AHV war ein Meilenstein in der Altersvorsorge», ergänzt Präsident Urs Haubensak. Im Vordergrund standen soziale Aspekte. Es ging darum, dass sich ältere Menschen Aussenkontakte bewahren und neue knüpfen konnten. «Dazu dienen, bis heute, die von Pro Senectute ins Leben gerufenen Seniorentreffen, Kultur - und Sportangebote, Informationsnachmittage und die Beratungen für ältere Menschen», so der Präsident. Immer mehr benötige es Alltagshilfen und auch administrative Betreuung. Seniorinnen und Senioren können so möglichst lange in den eigenen vier bleiben», sagt er.

Geschäftsführer Raphael Herzog ist das 100-Jahr-Jubiläum ein Freudentag: «Wir schauen optimistisch in die Zukunft, blicken aber auch mit grosser Dankbarkeit zurück. Vor allem für unsere Arbeit mit älteren Menschen, aber auch für jeden Einzelnen von uns gilt ein Spruch, den kürzlich gehört habe: 'Mit der Zeit wird die Zeit immer wichtiger'.»

Von Angelina Rabener