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Max Bolliger zeigt, wofür die Streifen auf dem Boulevard gedacht sind.
1/1 Bild: nw Max Bolliger zeigt, wofür die Streifen auf dem Boulevard gedacht sind.
10.10.2019 13:31

Wenn Stolperfallen den Alltag begleiten

Während ein Grossteil der Menschen keine Probleme hat, sich auf Gehwegen fortzubewegen, ist es für den sehbehinderten Max Bolliger aus Bottighofen jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung. Bei einem gemeinsamen Spaziergang auf der Kreuzlinger Hauptstrasse «Boulevard» zeigt er uns, welche Stolperfallen es zu überwinden gilt.

Kreuzlingen An einem Freitagvormittag treffe ich mich mit Max Bolliger in der Bahnhofstrasse 4 vor seinem Büro. Wir laufen gemütlich los in Richtung Helvetiaplatz. «Grundsätzlich taste ich mich mit dem Stock an der Gehwegkante der Strasse entlang», erzählt Bolliger. Bereits nach wenigen Metern wartet das erste Hindernis auf uns. Eine Baustelle versperrt uns den Weg. Wir müssen über einen Parkplatz ausweichen, für Bolliger ein Problem. Ihm fehlt der Randstein, um die Spur zu halten. Ein wenig im Zick Zack laufend, den Stock stets voraus um Hindernisse zu bemerken, kommen wir am Zebrastreifen an, der uns zum Boulevard führt. Auf der anderen Strassenseite signalisiert das Blindenleitsystem den weiteren Weg.

Hindernis Baustelle

Das Blindenleitsystem ist ein Hilfsmittel für Sehbehinderte mit Blindenstock. Die Streifen sind wie Fahrbahnmarkierungen auf den Gehweg aufgemalt und dienen dazu, den Stock der Sehbehinderten zu führen. Doch hier können wir keine zwei Schritte gehen, die sogenannten ‘Adidas-Streifen’ führen uns direkt in einen Bauzaun. Auch hier versperrt eine weitere Baustelle den geführten Weg für Blinde. «Für nicht ortskundige Sehbehinderte ist das ein grosses Problem, sie wissen nicht, dass dort eine Baustelle ist», sagt Max Bolliger.

Das Hindernis liegt hinter uns, wir gehen weiter und Bolliger erklärt mir: «Wer seinen Stock in der rechten Hand hält, benutzt den linken Streifen und umgekehrt.» Auf dem Boulevard angelangt, können wir einige Meter gehen, bis das nächste Problem auftaucht. Die Streifen bei der Einfahrt vor der Migrosbank sind abgenutzt. Der Stock findet in den um wenige Millimeter flacheren Streifen keinen Halt mehr. Sehbehinderte könnten hier die Orientierung verlieren. «Die Streifen gehören an solchen Stellen unbedingt regelmässig erneuert», betont Bolliger. Eine weitere Orientierungshilfe ist der schräge Bordstein, der nach der Migros Bank die Streifen ersetzt. «Der Randstein erfüllt quasi den gleichen Zweck wie die Streifen. Als Führhilfe ist er praktisch.» Auf dem weiteren Weg merkt Bolliger, ohne ihn zu ertasten, dass ein grosser Blumenkasten links von ihm steht. «Der muss wohl noch von der Spielstrasse übriggeblieben sein», erklärt er. Die veränderte Akustik hat ihn das Hindernis hören lassen.

Falsch parkierte Autos

Nach dem Trösch nutzt der Zapfenzieher den Gehweg als Terrasse. Gäste lassen beim Verlassen des Cafés häufig ihren Stuhl im Weg stehen. Durch das Voraustasten mit seinem Stock weiss Bolliger, dass ein Hindernis auf ihn wartet. «Manche Leute merken nicht, dass sie etwas im Weg stehen lassen», ärgert er sich. Nach dem Geschäft der zubischuhe.ch AG sind wieder Streifen auf der Strasse markiert, dort sind sie auch dringend notwendig. «Hier sind zwei bis drei Pfosten im Weg, wobei ich nicht verstehe, wieso man die so platzieren musste.» Er muss einen nach dem anderen umkurven. Auch ungewöhnlichere Hindernisse erschweren den Gang auf der Hauptstrasse. Ein falschparkendes Auto versperrt den Weg entlang des Randsteins. Selbst für sehende Menschen wie mich ein Ärgernis.

Werbeständer vor Geschäften

Wir wechseln nun die Strassenseite. «Auf der rechten Seite komme ich nahezu problemlos bis zur Löwenstrasse. Man sollte meinen, auf der anderen Seite sei das genauso einfach», sagt Bolliger. Doch hier habe die Stadt nicht weit genug gedacht, meint er. «Die Idee sollte sein, dass beide Seiten des Boulevards gleich einfach zu begehen sein sollten für Sehbehinderte. Aber nicht aus Absicht, sondern aus Unbedarftheit, hat man hier auf ‘Adidas-Streifen’ verzichtet.» Wir laufen in Richtung Stadtapotheke, der schräge Bordstein ist hier, wie auf der anderen Seite, eine Hilfe. Die Geschäfte sind es nicht. Mitten im Weg steht ein Werbeständer, den Max Bolliger mit seinem Stock zwar bemerkt, ihm aber nicht ausweichen kann. «Ich verstehe es nicht, wie manche Leute so wenig denken können», sagt er wütend und stellt den Werbeständer aus dem Weg.

Als Ortsfremder orientierungslos

Auf Höhe der Stadtapotheke angelangt, endet der Bordstein. Ein Fremder ist ab hier nahezu orientierungslos. Der Randstein würde den Sehbehinderten auf die andere Strassenseite und wieder zurück führen. Der kleine Platz vor der TKB-Filiale ist daher nur schwer zu begehen. Hindernisse, wie z.B. Strassenlaternen sind im Weg, selbst für den einheimischen Sehbehinderten ein grosses Problem. So war es auch nur eine Frage der Zeit, bis Bolliger fast in eine Solche hineinmarschiert. Einige Passanten beobachten uns, weil Max Bolliger die Strassenlaterne abtastet und erfühlt. Er hingegen muss ja wissen, was das für ein Gegenstand ist und wie breit oder lang das Hindernis ist. Erst auf Höhe des Tourismusbüros ist der schräge Bordstein vorhanden. Wenn man aber, so wie wir, rechts läuft, muss man nach dem Tourismusbüro Treppen überwinden. Wir gehen langsam, aber sicher zurück in Richtung Bahnhofstrasse. Bolligers Fazit: «Auf dem Boulevard gibt es gute Ansätze für die Mobilität von Sehbehinderten. Das Problem ist nur, dass diese meist nicht zu Ende gedacht sind.»

Von Nico Wrzeszcz

Tag des weissen Stocks

Am 15. Oktober feiert der Tag des weissen Stocks, der 1969 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen wurde, seinen 50. Geburtstag. Weltweit nutzen Blindenverbände den Tag, um auf ein essenzielles Schutzzeichen für blinde und sehbehinderte Menschen aufmerksam zu machen, den «weissen Langstock».