Timo Platte: "Nach wie vor gibt es Kontexte, in denen Homosexuelle ihre Identität verschweigen - aus Angst, abgelehnt zu werden."
1/3 Timo Platte: "Nach wie vor gibt es Kontexte, in denen Homosexuelle ihre Identität verschweigen - aus Angst, abgelehnt zu werden."
Nach wie vor gibt es Kontexte, in denen Homosexuelle ihre Identität verschweigen - aus Angst, abgelehnt zu werden.
2/3 Nach wie vor gibt es Kontexte, in denen Homosexuelle ihre Identität verschweigen - aus Angst, abgelehnt zu werden.
Nicht mehr schweigen
3/3 Nicht mehr schweigen
02.09.2019 07:00

«Gottes Liebe kennt kein Aber»

«Wenn auch wenn mein Leben durch mein persönliches Coming-out nicht einfacher geworden ist, so ist es doch ehrlicher, wahrhaftiger. Und das war es wert», sagt Timo Platte im Interview über sein Leben und sein Buch 'Nicht mehr schweigen' in dem 25 homosexuelle und transidente Menschen aus ihrem christlichem Umfeld erzählen und davon wie es ist, nicht sein zu dürfen.

Herr Platte, gab es ein persönliches Schlüsselerlebnis, dass Sie dazu bewog, ein Buch zu veröffentlichen, in dem homosexuelle Menschen von ihren Erlebnissen in einem christlich-konservativen Umfeld berichten?

Ja, durch einen Dokumentarfilm der Schweizer Autorin Damaris Kofmehl wurde ich zu diesem Projekt inspiriert. Dazu kam ein Abend in einem Gesprächskreis von Zwischenraum e. V., an dem viele der Anwesenden aus ihrem Leben berichteten. Das war ein sehr emotionaler und bewegender Abend für mich, da viele noch mitten in ihrem Coming-out-Prozess steckten und in der Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrem Umfeld. Seitdem hat mich der Gedanke nicht losgelassen, diese Erlebnisse in Form eines Buches zusammenzufassen und zu veröffentlichen. Denn ich bin überzeugt davon: diese Geschichten müssen gehört werden. Gehört von Menschen, die bisher keinen Zugang zu dem Thema und zu homosexuellen und/oder transidenten Personen haben. Das sind wir ihnen schuldig.

Sie haben das Manuskript des Buches christlichen Verlagen angeboten, stiessen aber auf Absagen. Warum?

Alle angefragten Verlage haben sich mit grosser Wertschätzung und Interesse mit dem Manuskript auseinandergesetzt – das muss ich ihnen lassen. Die Ablehnung hatte meist wirtschaftliche Gründe. Verbunden mit der Sorge, dass man sich mit solch einem Buch positionieren muss – entgegen einer überwiegend konservativen Leserschaft, die dem Thema bis heute sehr kritisch gegenübersteht. Man kann so ein Buch nicht «mal eben so raushauen». Meines Erachtens ist das eine verpasste Chance, die aber dem Buch und seiner Verbreitung nicht geschadet hat. Im Gegenteil.

Wie wurde das Buch dann letztendlich finanziert?

Durch die Ablehnung der Verlage wurde das Buch letztendlich ausschliesslich von Menschen ermöglicht, die vollkommen dahinter stehen. Ein nicht zu unterschätzendes Potenzial. Die Erstauflage und alle damit verbundenen Kosten wurden durch ein Crowdfunding vorfinanziert. Und das innerhalb weniger Tage! Dass sich so viele (mir zum grössten Teil vollkommen unbekannte) Menschen hinter dieses Projekt stellten, hat mich tief berührt und gezeigt, dass das Thema des Buches einen Nerv bei den Menschen trifft.

Um was geht es in «Nicht mehr schweigen» genau?

Eigentlich dürfte Homosexualität in der heutigen Zeit kein Thema mehr sein. Aber nach wie vor gibt es Kontexte, in denen homo-, bi- oder transsexuelle Menschen ihre Identität verschweigen – aus Angst, abgelehnt und ausgegrenzt zu werden. Dieses Buch gibt ihnen Raum, ihre Erfahrungen zu teilen. 25 homosexuelle und transidente Menschen aus christlichem Umfeld erzählen davon, wie es ist, nicht sein zu dürfen. Ein Buch über ein Tabuthema und die Sehnsucht, endlich anzukommen. Es sind 25 junge und alte Menschen, Männer und Frauen, Singles und gestandene Eltern aus Deutschland und der Schweiz: Sie stehen exemplarisch für Tausende in unseren Kirchen und Gemeinden. Durch ihre Geschichten bekommt das Thema ein Gesicht, wird nahbar. Das Buch ermöglicht damit einen sehr persönlichen Zugang. Diesen braucht es dringend – besonders im religiösen Kontext, in dem es oft nicht um den Menschen, sondern um theologische Streitigkeiten geht. Ihre Geschichten sind der bewegende Beleg dafür, dass Gottes Liebe kein Aber kennt.

Welcher Zielgruppe, ausser homosexuellen und transidenten Menschen, möchten Sie das Buch ans Herz legen?

Das Buch möchte Menschen berühren und ermutigen. Vor allem möchte es zu einem neuen, unvoreingenommenen Umgang mit Homosexualität und Transidentität beitragen – besonders im christlichen Umfeld. Von daher ist es ein Buch für alle, die mit homosexuellen und transidenten Menschen zu tun haben. Alle, die in Kirchen und Gemeinden Verantwortung tragen. Alle, die selbst sexuell anders empfinden als die Mehrheit. Alle, die aufrichtig mit der Thematik ringen. Und alle, die ihre queeren Mitmenschen darin unterstützen wollen, zu sich zu stehen.

Glauben Sie, dass das Buch durch die Erzählungen nicht geouteten Homosexuellen helfen kann, sich zu öffnen? Oder könnte es auch sein, dass die Angst an die Öffentlichkeit zu gehen durch die Geschichten verstärkt wird?

Mir persönlich hat es sehr geholfen, Menschen zu treffen, die genau so empfinden wie ich. Lange Zeit dachte ich, ich wäre der «Einzige» auf der Welt. Besonders in der «frommen» Welt kennt so manch eine/r dieses Gefühl ... Das Erleben, dass man nicht alleine ist, ist auf diesem Weg eine sehr wichtige und manchmal auch lebensnotwendige, nicht zu unterschätzende Erfahrung. Ein Coming-out ist für jede/n ein ganz individueller Schritt. Ich würde niemanden dazu überreden oder drängen, sich zu outen. Und ich kann jeden verstehen, der das nicht nicht kann. Weil die Angst zu gross ist. Weil die Folgen nicht abzuschätzen sind. Weil jede Lebenssituation anders ist. Aber ich würde jede/n dazu ermutigen und darin unterstützen. Wenn auch wenn mein Leben durch mein persönliches Coming-out nicht einfacher geworden ist, so ist es doch ehrlicher, wahrhaftiger. Und das war es wert.

Was erwartet die Besucherinnen und Besuch an Ihrer Lesung am 7. September in Kreuzlingen und was erwarten Sie von den Gästen?

Wie der Begriff «Lesung» schon vermuten lässt, werde ich verschiedene Menschen aus dem Buch «Nicht mehr schweigen» zu Wort kommen lassen und ihre Geschichten und Erfahrungen mit den Gästen teilen. Dazu wird es einen musikalischen Rahmen geben und im Anschluss die Möglichkeit, Fragen zu stellen und/oder in einen persönlichen Austausch zu kommen. Zunächst einmal erwarte ich von den Menschen, die mein Buch lesen oder zu einer Lesung kommen, dass sie die Bereitschaft mitbringen, zuhören zu wollen. Das klingt vielleicht banal. Ist aber ein ganz wichtiger Punkt, den ich als «Grundton» diesem Buch-Projekt vorangestellt habe. Dietrich Bonhoeffer schreibt: «Der erste Dienst, den einer dem anderen in der Gemeinschaft schuldet, besteht darin, dass er ihn anhört. Wie die Liebe zu Gott damit beginnt, dass wir sein Wort hören, so ist es der Anfang der Liebe zum Bruder, dass wir lernen, auf ihn zu hören.» Ich freu mich sehr auf die Begegnung mit den Menschen und erlebe bei Lesungen immer wieder, dass grosser Redebedarf besteht. Menschen haben Fragen. Und die dürfen sie gerne mitbringen.

«Nicht mehr schweigen»: Lesung mit Timo Platte

Samstag, 7. September 2019 um 19 Uhr im Evangelischen Kirchgemeinde in Kreuzlingen, Bärenstrasse 25. Der Eintritt ist frei.

Angelina Rabener