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Daniel Hurtado: «Man muss zwangsläufig mit Lücken leben oder Dinge weglassen, weil sie den Rahmen des Buches sprengen.»
1/1 Bild: rab Daniel Hurtado: «Man muss zwangsläufig mit Lücken leben oder Dinge weglassen, weil sie den Rahmen des Buches sprengen.»
30.11.2018 06:00

50 Jahre Kantonsschule Kreuzlingen: Demo, Streit und zerstochene Reifen

Seit fünf Jahren schreibt der Kreuzlinger Historiker Daniel Hurtado an einer Chronik über die Kantonsschule Kreuzlingen, die am 4. Mai 2019 ihr 50-Jahr-Jubiläum feiert. Eine grosse Herausforderung für den Geschichtslehrer.

Kreuzlingen Es war Rektor Arno Germann, der im Jahr 2013 die Idee hatte, zum Schuljubiläum ein Buch herauszugeben. «Als Historiker reizte mich diese Gelegenheit von Anfang an», sagt Daniel Hurtado. «Was gibt es spannenderes, als in den Archiven der Schule herumwühlen zu dürfen, in ihren 'Innereien' sozusagen.» Doch je mehr sich Hurtado mit dem Projekt beschäftigte, desto mehr erkannte er, dass seine anfänglichen Vorstellungen teilweise blauäugig waren. «Das Archiv enthielt unzählige Dokumente, aber kaum Bilder. Solche Gegensätze gab es während der Arbeit zwar viele, letztlich sehe ich sie aber als reizvolle Herausforderungen.»

Aus der Chronik

Der Lehrer erzählt: «In Kreuzlingen entstand 1957 ein Aktionskomitee mit dem Ziel einer zweiten Thurgauer Kantonsschule. Auslöser dafür waren einerseits die Abstimmung über die Erweiterung der Kantonsschule Frauenfeld. Andererseits gab es seit etwa 1952 verschiedene Artikel in der Presse, welche im Bereich der Mittelschulen Handlungsbedarf orteten. Als 'Drohszenario' diente 1952 die Befürchtung, Schüler aus dem Raum Diessenhofen könnten bald nicht mehr ohne Weiteres auf die Kantonsschule Schaffhausen ausweichen dürfen.» Es war Journalist Willi Rüedi vom Thurgauer Volksfreund, der am 28. Dezember 1956 seine denkwürdige Einladung an 15 Personen schickte, die ein Aktionskomitee gründeten.

Schlacht per Leserbriefe

Bevor es aber zur Kanti-Paarung Kreuzlingen und Romanshorn kam, galt Romanshorn als grosser Konkurrent gegenüber dem Standort Kreuzlingen. «Zeitenweise waren sich die Aktionskomitees der beiden Orte spinnefeind und beharkten sich via Leserbriefspalte im jeweiligen Ortsblatt» so der Historiker. Besonders schlimm war es, als der zuständige Regierungsrat Romanshorn dann alleine den Zuschlag gab. «Die Kreuzlinger bezichtigen ihn faktisch der Verschwörung und prüften das Romanshorner Gesuch minutiös nach. In Romanshorn bezichtigte man die Kreuzlinger als 'Demagogen', die mit 'propagandistischem Trommelfeuer sondergleichen' versuchten, den Grossen Rat dazu zu bringen, den Entscheid für den Standort Romanshorn zu kippen.

Kundgebung in Steckborn

All das führte am 14. Oktober 1965 sogar zu einer Kundgebung in Steckborn. «Selbst die Romanshorner mussten zugeben, dass die Unterseegegend benachteiligt bleiben würde, sollte die neue Schule in Romanshorn gebaut werden. In den Aufrufen zur Kundgebung hiess es dann auch, man müsse verhindern, dass die Unterseegegend als 'Stiefkind des Kantons abgeschrieben' werde», weiss Daniel Hurtado. Es sei dem zuständigen Regierungsrat Rudolf Schümperli hoch anzurechnen gewesen, dass er trotz dieser Ausgangslage nach Steckborn fuhr, um für seinen Entscheid zu werben, führt der Historiker fort. Leider gelang Schümperli die Heimreise aber nicht mehr wie gewünscht, mit dem Auto. Unbekannte hatten die Reifen zerstochen. Hurtado: «Auch wenn die Aktion absolut fehlgeleitet war, zeigte sie doch, welchen Einsatz die Bevölkerung für Kantonsschulen an den Tag legte.» Spannend war dann auch drei Jahre später die Eröffnung der Kreuzlinger Kantonsschule am 21. April 1969. «Es gab fünf Hauptlehrer, sechs Lehrbeauftragte sowie 16 Kreuzlinger und 14 Romanshorner Schülerinnen und Schüler. Gegner der neuen Schulen unkten, es werde schwierig, genügend Lehrpersonen für dieses Experiment zu finden. Glücklicherweise lagen sie damit völlig falsch.»

«Ob ich dabei alles zusammengetragen habe?»

Die meisten Informationen für das Buch hat Daniel Hurtado aus dem Archiv der Schule und dem Staatsarchiv in Frauenfeld zusammengetragen. «Daneben führte ich auch Gespräche mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern, Lehrpersonen und Schulleitungsmitgliedern. Diese Zeitzeugenberichte ergänzten die Erkenntnisse aus den schriftlichen Quellen», sagt er und ergänzt: «Es liegt in der Natur der Sache, dass man nie alle Informationen hat. Man muss zwangsläufig mit Lücken leben oder Dinge weglassen, weil sie den Rahmen des Buches sprengen. Als Historiker muss man in solchen Dingen versuchen, die richtige Auswahl im Dienst der Sache vorzunehmen.» Gefragt, wie der Titel des Buches lauten wird, meint er: «Zum Titel kann ich noch nichts sagen – ausser dass ich an der typischen Autorenkrankheit leide, sich über solche 'unwichtigen' Dinge erst am Schluss Gedanken zu machen.»

Angelina Rabener

Wer hat noch Bilder?

Daniel Hurtado sucht Fotos von ehemaligen Schülerinnen und Schülern, Klassenfotos, Schulreisen oder anderen Anlässen. Aus der Ära der Analogfotografie stehen ihm wenig Bilder zur Verfügung. Wenn Sie Ihr Bild in der Chronik abgedruckt sehen wollen, melden Sie sich per Mail: daniel.hurtado@ksk.ch.