Leserbrief
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12.08.2019 09:00

Politik ohne die andern?

Christoph Blocher preist in seiner Kolumne vom 8. August die Schweiz als Land, das sich aus eigener Kraft emporgearbeitet hat. Er vergleicht es mit ihm selbst, der mit grossem Einsatz zum erfolgreichen Unternehmer geworden ist. Nur geht es eben in der Politik nicht allein um persönlichen und wirtschaftlichen Erfolg, sondern um das Zusammenleben in einer Gemeinschaft und um politischen Austausch über die Grenzen hinweg. Der Begriff Politik ist abgeleitet von „polis“, dem griechischen Stadtstaat. Und wenn Platon den Menschen ein zoon politikon nennt, so meint er damit nicht primär ein politisches Wesen nach unserem Verständnis, sondern ein solches, das der Gemeinschaft bedarf, um sich zu entwickeln. Wo sich Menschen dem zwischenmenschlichen Austausch entziehen, und sich abschotten, schwindet auch ihr Realitätsbezug, beurteilen sie Situationen falsch, und mit ihrer Phantasie entwickeln sie Hirngespinste, mit welchen sie die Wirklichkeit falsch einschätzen und Befürchtungen überzeichnen. Genau so kann es auch Parteien ergehen, die nur auf ihre eigene Doktrin abstellen und alles, was ihnen fremd und ungewohnt erscheint, ablehnen. Auch sie politisieren mit einem verzerrten Weltbild und mit der Angst, dass alles Fremde sie nur bedrohe und nicht durch aktiven Austausch auch weiterbringe. Und wenn wir schon mit Recht von unserer direktdemokratischen Staatsform überzeugt und auf sie stolz sind, zudem ausserhalb unserer Grenzen dafür beneidet wären, bestände doch auch die Chance, auf Zuspruch und Nachahmer jenseits unserer Grenzen zu stossen, wenn wir dort unseren Einfluss geltend machen und nicht immer nur fürchten, von andern vereinnahmt zu werden. Die Beschränkung aufs Eigene erweist sich als Kleinmütigkeit und zeugt von mangelndem Selbstbewusstsein, auch wenn sich ihre Vertreter noch so vorlaut gebärden.

Peter Schmid, Frauenfeld