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Martin Stucky, Peer und Genesungsbegleiter und Beatrice Neff, Angebotsleitung Psychische Gesundheit, informieren über den Welttag der Suizidprävention.
1/1 Bild: jus Martin Stucky, Peer und Genesungsbegleiter und Beatrice Neff, Angebotsleitung Psychische Gesundheit, informieren über den Welttag der Suizidprävention.
05.09.2018 00:00

Empfinden mitteilen

Psychische Krisen oder Erkrankungen sind immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Am 10. September betreibt die Perspektive Thurgau anlässlich des Welttags der Suizidprävention hier Aufklärungsarbeit mit zwei Veranstaltungen in Frauenfeld.

Weinfelden Am 10. September startet die «Tour de Courage» respektive Schweizer «Mut-Tour» in St. Gallen und stoppt gegen 18 Uhr in Frauenfeld vor dem Cinema Luna. Die «Mut-Tour» bestreiten VelofahrerInnen, die gerade eine Krise oder psychische Krankheit durchmachen: «Man darf sich nicht schämen, wenn man eine Krise durchlebt», betont Beatrice Neff an der Pressekonferenz der Perspektive Thurgau zu diesem Anlass. Seit sechs Jahren arbeite sie in der Aufklärungsarbeit bei der Perspektive Thurgau als Angebotsleitung «Psychische Gesundheit». «Jeder Zweite kommt im Laufe des Lebens in so eine Situation oder erlebt sie als Angehöriger mit», so Neff. Hier spiele Scham eine grosse Rolle. «Indem man aber darüber redet, bekommt man die Möglichkeit, in dieser schwierigen Zeit unterstützt zu werden.

«Mut-Tour» Stopp in Frauenfeld

Die Teilnehmer der «Mut-Tour» sollen denn auch auf dem Platz an der Lindenstrasse mit Applaus für ihren Mut empfangen werden. Für die Zuschauer gibt es als Dankeschön Bratwurst und Getränke sowie Luftballons für die Kinder.

Von Frauenfeld geht es für die RadlerInnen weiter bis nach Bern, wo sie am 15. September zum 1. Nationalen Patientenkongress eintrudeln werden. Über die sechstägige «Mut-Tour» wird auf der Tourwebsite www.tour-de-courage.ch täglich ein Blogg geführt.

«Ich finde das enorm bewundernswert, dass sie da hinstehen und ihre Geschichten erzählen», sagt Neff über die mutigen SportlerInnen. Mut sei ein Hoffnungsträger für andere, die ähnliche Geschichten durchmachen. Vor Ort könne man auch mit den Leuten ins Gespräch kommen.

Als ebenfalls mutiges Beispiel geht Martin Stucky voran, der seinen Leidensweg beim Pressetermin darstellt. Der heute 53-Jährige steckte so tief in einem Burn-out, dass er dadurch sogar an der chronischen Darmentzündung Morbus Chron erkrankte. Heute ist er frei von den Beschwerden, weil er auf die Signale seines Körpers hört und sich nicht mehr von aussen unter Druck setzen lässt. «Ich komme aus einem sehr strengen, ‹bünzligen› Elternhaus», erklärt er. «Mein Vater war Geologe, ein ‹steiniger› Wissenschafter», zudem sei er adoptiert, worunter er sehr gelitten habe. Gegenseitige Liebe habe er nie wirklich erfahren. «Ich habe früh gespürt, dass ich Anerkennung nur durch Leistung bekomme.»

Konflikte meiden

Seine Karriere beschreibt er als sehr bunt, ebenso sein schnell wechselndes Beziehungsleben: «Ich habe immer gekündigt oder eine Beziehung beendet, bevor es zu Konflikten kam», sagt er, auch aus der Angst heraus, selbst verlassen zu werden. Irgendwann, als er einen sehr strengen Chef hatte, kam dann die Diagnose Morbus Chron und Verdacht auf Burn Out, was für ihn Ende der Neunzigerjahre schwierig zu akzeptieren war. «Heute gibt es allmählich die Tendenz, dass gesunde, zufriedene Angestellte wichtig sind», sagt Neff, die für Arbeitgeber Seminare zu diesem Thema gibt. Aber ganz angekommen ist diese Erkenntnis in der heutigen Leistungsgesellschaft noch nicht.

Stucky erfuhr in der Psychotherapie erstmals, dass ihm jemand zuhörte und entdeckte im Gespräch, was zu seiner Krankheit geführt hatte. Heute ist er selbst Peer und Genesungsberater: «Die Hemmschwelle, mit einem Peer zu sprechen, ist für viele wesentlich geringer, als mit einem Arzt», weiss er. Angehörigen, die helfen möchten, rät er davon ab, zu sagen «du brauchst einen Arzt». «Das ist wie eine Ohrfeige und schafft Distanz.» Wichtig sei eine «feine Kommunikation», sein Empfinden mitzuteilen, «wie z.B.: Mir fällt auf, dass du dich verändert hast oder ähnliches».

Auch wenn Angehörige oft selbst überfordert wären, sei es wichtig, «schonungsvoll auf den Betroffenen zuzugehen.»

Judith Schuck

Kinofilm «Gleich und Anders»

Anlässlich des Welttags der Suizidprävention läuft im Cinema Luna, Frauenfeld am 10. September, 18.45 Uhr zudem der Film «Gleich und Anders» von Jürg Neuenschwander, CH 2016.