Prof. Inger Enkvist aus Schweden
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29.10.2018 09:45

50 Jahre Schulreformen in Schweden

Auf Einladung von „Eltern für eine gute Volksschule“ referierte die schwedische Professorin Inger Enkvist am 24. Oktober über die Entwicklung des Bildungswesens in ihrer Heimat. Über 50 Eltern, Lehrer und Wirtschaftsvertreter hatten sich dafür im Thurgauer Hof versammelt.

Weinfelden Schweden war in den 60er Jahren ein wirtschaftlich und sozial gut aufgestelltes Land mit hohem Beschäftigungsgrad, dessen Bevölkerung über ein sehr hohes Bildungsniveau verfügte. Ohne Not wurden seit 1962 tiefgreifende Schulreformen durchgesetzt. Das gegliederte Schulsystem wurde zugunsten einer Gesamtschule aufgelöst. Verbunden damit war die Einführung von alters- und niveaudurchmischten Klassen. Verbindliche Jahresziele in den Fächern wurden ebenso abgeschafft wie Schlussexamen.

Als Folge zeichneten sich ein starker Abbau des Schulstoffes sowie ein Zuwachs an Disziplinproblemen ab. Seither nahmen schwedische Bildungspolitiker unterschiedlicher Parteien alle sechs bis acht Jahre weitere Kurskorrekturen vor – man korrigierte die Folgen der Reform also mit weiteren Reformen. Die Stichworte tönen wie in der Schweiz: Individualisierung, Inklusion, Kompetenzorientierung. Die Lehrer sollten sich immer weniger um die Vermittlung von Wissen kümmern, vielmehr wurden individualisierende Lernmethoden gefördert. In den letzten Jahren haben neue Lehrpläne mit Kompetenzorientierung die eigentlichen Lerninhalte noch weiter geschwächt.

Heute – 50 Jahre später – befindet sich das schwedische Bildungssystem in einem desolaten Zustand. Es gibt zwar einzelne junge Menschen, die kreative Produkte wie Spotify oder Skype entwickelt haben. Doch insgesamt hören die Schüler nicht mehr auf die Lehrer und das Bildungsniveau ist stark gesunken.

In der engagierten Diskussion wird die schwedische Entwicklung mit der schweizerischen verglichen. Beispiele aus dem Publikum verdeutlichten, dass auch in unserem Bildungswesen einiges im Argen liegt. In beiden Ländern wird es Jugendlichen häufig nur durch einen grossen Einsatz der Eltern ermöglicht, einigermassen arbeitsfähig zu werden. Parallel gibt es auch viele Lehrer, die trotz diverser Reformen auf bewährte Lehrmethoden zurückgreifen und so ein gewisses Mass an Bildung gewährleisten. Auch in den Medien wird die kritische Diskussion über Schulreformen lauter, so dass Fachleute bereits Vorschläge für einen Wiederaufbau des Bildungswesens diskutieren.

red