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Sie wollen das nicht hören: Den Krach vom Feuerwerk.
1/1 Bild: fotolia Sie wollen das nicht hören: Den Krach vom Feuerwerk.
08.08.2018 00:00

Verantwortung übernehmen für die, ohne Wahl

Viele lieben sie, manche hassen sie: Zum Nationalfeiertag fielen die Feuerwerke dieses Jahr aus wegen der anhaltenden Trockenheit mit Brandgefahr. Doch beim Seenachtsfest/Fantastical steigen die Feuerwerkskörper vom Wasser aus in die Lüfte und sind daher erlaubt. Menschen haben die Wahl, ob sie das Spektakel miterleben möchten; Tiere sind dem ausgeliefert.

Kreuzlingen Fragt man Pyrotechniker, kommt meist die Antwort, dass Feuerwerke halb so wild wären für Tiere, gerade Wildtiere seien schliesslich auch Gewittern in der Natur ausgesetzt.

«Ich bin persönlich nicht der Ansicht, dass sich Feuerwerke mit Gewittern vergleichen lassen», sagt Martina Schybli, Tierärztin und Leiterin der Fachstelle für Heimtiere beim Schweizer Tierschutz (STS). «Die Dauer der Lärmexplosion bei hoher Lautstärke ist bei Feuerwerken in der Regel länger, teilweise herrschen auch andere Töne vor (hohe Heul- und Pfeifgeräusche, Knistergeräusche), welche die Tiere nicht einordnen können und als unangenehm empfinden könnten.» Hinzu kommt, dass viele Tiere, allen voran Hunde, ein wesentlich sensibleres Gehör haben als Menschen.

Selbstschutz möglich

Doch auch für Menschen gilt: «Die Belastung von solchen kurzen Geräuschimpulsen, wie sie speziell bei explodierenden Feuerwerkskörpern auftreten, werden oft unterschätzt», schreibt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) im Bericht «Feuerwerkskörper, Umweltauswirkungen und Sicherheitsaspekte». Das Bafu veröffentlichte ihn 2001 erstmals, da in den letzten Jahren immer mehr Anfragen zum Thema an die Experten gestellt werden. Aufgrund der Trägheit des Gehörs würden die Geräusche leiser wahrgenommen, als es der Schallpegel erwarten liesse, heisst es dort als Begründung. In der Schweiz darf ein maximaler Schalldruckpegel von 120 Dezibel nicht überschritten werden, ab 125 Dezibel wird es schädlich für Menschen. «Wobei wir Menschen ja noch die Möglichkeit hätten, einen Gehörschutz zu tragen», gibt Schybli zu bedenken. Den Tieren bliebe nichts anderes übrig, als zu fliehen oder auszuharren.

Vorsicht: Fluchtgefahr

In Tierheimen schnellt die Anzahl entlaufener Hunde und Katzen um Silvester gewaltig in die Höhe. Schweizer Tierschutzorganisationen empfehlen daher, bei Feuerwerken Hunde und Katzen bei geschlossenen Fenstern Zuhause zu behalten. Haus- und Nutztiere reagierten auf explodierende Knallkörper oftmals panisch, «nicht schussfeste Hunde kriegen Angstzustände», betont auch der Züricher Ornithologe Martin Weggler. Er untersuchte von 2007 bis 2010 das Verhalten von Wildtieren im unteren Zürichsee-Becken um Silvester herum. Das Ergebnis: Massenflucht von Wildvögeln und häufig auch Massensterben aufgrund von Kollisionen mit Gebäuden, Freileitungen etc. unter Stress.

Brutausfälle steigen

Weggler: «An der Konstanzer Bucht am Bodensee wurde festgestellt, dass durch das Silvesterfeuerwerk viele Wasservögel vertrieben wurden.» In den frühen Morgenstunden kehrten sie dann an ihre Liegeplätze zurück. Dies gilt für den Winter. Was im Sommer allerdings hinzukommt: «Die Feuerwerke zum 1. August fallen z.B. in die Zeit der Jungenführung von Haubentauchern und seltenen Enten bzw. in die Mauserzeit», so der Vogelforscher. Darum dürften die Sommerfeuerwerke besonders problematisch für Tiere sein. «Brutausfälle steigen bekanntlich, Junge werden störungsbedingt von den Eltern getrennt.»

Bisher enthält das Schweizer Tierschutzgesetz noch keine konkreten Vorschriften in Bezug auf Feuerwerke. «Das Tierschutzgesetz schreibt allerdings vor, dass niemand ungerechtfertigt ein Tier in Angst versetzen oder es unnötig überanstrengen darf (Art. 4 Abs. 2 TschG)», unterstreicht Schybli.

Zum Punkt Lärm steht in der

Kein Vergnügen für Tiere

Es stelle sich nun die Frage, was genau unter «längerer Zeit» verstanden werde, meint Schybli, die Tierschutzverordnung schweige sich hier bisher aus. «Zumindest aus meiner Sicht gelten Feuerwerke durchaus als länger andauernder und übermässiger Lärm.»

Dass Feuerwerk-Fans den Lärm mit Gewittern vergleichen, findet sie nicht nachvollziehbar. «Es ist auch die Gesamtdauer und Anzahl der sehr lauten Knalltöne. Sie sind beim Gewitter viel geringer als beim Feuerwerk.» Was für Meschen eine tolle Show ist, ist für die meisten Tiere unheimlich. Sie wissen nicht, was da vor sich geht, gerade auch die von uns gewünschten Lichteffekte können sie irritieren.

Um so mehr gilt es als TierbesitzerIn, Verantwortung für die Schützlinge zu übernehmen und sie nicht unnötigem Stress auszusetzen.

Judith Schuck