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Katharina Schenk-Jäger
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10.10.2018 00:00

Pilze vergiften Thurgauer: Pilzsaison fordert ihre Opfer

Jetzt spriesst im Thurgau der giftige Knollenblätterpilz. Die Vergiftungsfälle im Thurgau sind im Vorjahresvergleich schon jetzt hoch. Unwissenheit schützen Pilzsammler auch bei der 1-Kilo-Regel vor.

Region Obwohl die Pilzsaison erst vor kurzem begann, hat TOX Info Suisse bereits rund 400 Fälle von Pilzvergiftungen registriert, darunter 15 im Thurgau. Die Infostelle mit Notfallnummer 145 kann feststellen, dass die diesjährigen Vergiftungen im Thurgau die Zahl des Vorjahrs – 35 Fälle – noch übertreffen könnte. Selbst harmlose Wiesenchampignons können tückisch sein. Wenn sich ihr Eiweiss zersetzt, entstehen giftige Stoffwechselprodukte. Gemäss TOX ist man nicht einmal bei Speisepilzen ein Vergiftungsrisiko ausgeschlossen: Denn verdorbene Pilze, unsachgemässe Zubereitung oder gleichzeitiger Alkoholkonsum kann bei gewissen Sorten Ursache von starkem Unwohlsein sein.

Hohe Verwechslungsgefahr

Die Schweizerische Vereinigung amtlicher Pilz-Kontrollorgane (Vapko) listet online die Pilzkontrolleure nach Gebiet auf. In Gachnang ist dies Silvana Füglistaler. «Den grünen Knollenblätterpilz habe ich selbst auf Waldspaziergängen schon mehrmals angetroffen.» Sammler, die Füglistaler die Funde zur Kontrolle vorlegen, haben vor allem Steinpilze im Korb (zu junge sollte man stehen lassen, damit für den Pilznachwuchs gesorgt ist). Respekt müsste einem der Hexenröhling einflössen. Denn dieser Waldpilz tritt in verschiedenen Arten auf, die nicht alle essbar sind – der netzstielige Hexenröhrling führt zu Magendarmvergiftung. Auch der Riesenschirmling wird Füglistaler immer wieder zur Kontrolle aufgetischt – er ist Auslöser schwerer Magen-Darm-Störungen. «Die Verwechslungsgefahr ist hoch», warnt die Kontrolleurin, «viele Pilze gleichen sich.»

Vertrauenswürdige Pilz-App?

Vor allem die jüngere Generation setzt zur Identifikation auf Pilz-Apps. Da in der Schweiz über 5500 verschiedene Pilze wachsen, reicht keine der Apps aus, alle Sorten zu ermitteln. Dass die Anzahl der Vergiftungen dieses Jahr über dem Durchschnitt liegt, könnte daran liegen, dass man sich zu sehr auf die elektronische Hilfe verlässt, deren Qualität sehr unterschiedlich ist. «Zur Vorselektion mag die App schon taugen», meint die Gachnanger Kontrolleurin, «aber der Besuch der Kontrollstelle ist das einzig Sichere.»

Geschützte Pilze

Pilze, die auf der «Roten Liste» der gefährdeten Pilze der Schweiz stehen, dürfen auch im Thurgau weder beschädigt noch ausgegraben werden. Ob dennoch solche seltenen Exemplare in den Körben der Sammler landen, lässt sich kaum kontrollieren. Dass solche Raritäten auf Kontrollstellen kaum vorgezeigt werden, könnte gemäss Füglistaler daran liegen, dass sie meist von kleinem Wuchs sind und die Sammler daher nicht interessieren.

1 Kilo Limite

Geschützt sind die Pilze auch durch die Sammelbeschränkung: gemäss Verordnung des Natur- und Heimatschutzes dürfen pro Tag und Person höchstens ein Kilo Speisepilze gepflückt werden. Das kantonale Amt für Raumentwicklung hat diese Grundbeschränkung den anderen Kantonen angepasst, sie ist seit Jahren unverändert. Gemäss Projektleiter Rolf Niederer ist die Beschränkung vor allem aufrecht zu erhalten, damit einzelne Sammler nicht Unmengen für sich allein pflücken. Der Thurgau hat keine grossen Vorkommen sogenannter «Massenpilze», wie sie in alpinen Regionen auftreten. Vielen Körben sei unschwer anzusehen, dass sie diese Limite überschreiten, sagt die Thurgauer Kontrolleurin. «Da gibt es welche, die mehrere Kilo Steinpilze und Champignons aufgelesen haben.» Sie weist die Pilzler jeweils darauf hin, doch natürlich könne immer vorgeschützt werden, man habe ja zu Zweien gesammelt. Eine Handhabe, der Sammelwut des neuen «Volkssports» einen Riegel zu schieben, gibt es nicht.

Ob über die Jahre gewisse Pilzsorten verschwinden, werde im Thurgau nicht untersucht, so Rolf Niederer weiter. Allerdings sorgt etwa der Kanton St.Gallen mit Schonzeiten dafür, dass sich die Pilzplätze wieder erholen können – solche Schonfristen kennen die Thurgauer Pilze nicht.

Die Saison kann, abhängig von Regenfällen, bis etwa Mitte November dauern. Im Thurgau wächst die ganze Palette an Pilzen, die nördlich der Alpen heimisch sind. Nur jene, die über 1500 Metern gedeihen, finden sich in hiesigen Breitengraden nicht. Der letzte bekannte Todesfall ereignete sich im Jahr 2009. Sämtliche Todesfälle der letzten fünf Jahrzehnte waren auf den Knollenblätterpilz zurückzuführen.

Roland Schäfli

Nachgefragt

Katharina Schenk-Jäger, Tox Info Suisse betreibt die Notfallnummer 145. Wie stark werden Sie im Moment beansprucht?

Bei uns herrscht Hochbetrieb, wie meist um diese Jahreszeit. Es spriessen nicht nur Pilze, auch andere Vergiftungsunfälle beanspruchen uns sehr. Wir beraten aktuell täglich zwischen 110 und 150 telefonische Anfragen aus der ganzen Schweiz.

Und wieviele Pilzvergiftungsfälle sind seit Beginn der Saison im Thurgau gezählt worden?

Aktuellster Stand: 15. Wir spürten zwischen Mai und Juni einen Anstieg, der stärker war als im Vorjahr. Ab Mitte Juni bis Mitte August kam es aufgrund des Hitzesommers kaum zu Vorfällen, denn während der Dürre wuchsen kaum Pilze. Seit Mitte August steigt die Kurve nun stark an.

Gibt es im Thurgau Pilzarten, die häufiger vorkommen als anderswo?

Nein, der Kanton hat dieselben Giftpilzarten wie alle Kantone. Insbesondere muss man sich vor drei giftigen Gattungen hüten: unter den Knollenblätterpilzen: vor dem grünen, dem kegelhütigen – die beide derzeit wachsen - und dem Frühjahrsknollenblätterpilz. Zudem enthalten Giftschirmlinge und Gifthäublinge dasselbe Gift. Im Thurgau kommen auch Pilze, nämlich gewisse Schleierlinge, vor, die die Nieren lebensgefährdend schädigen. Ihre Wirkung zeigt sich meist erst mehrere Wochen nach dem Verzehr, weshalb man dann möglicherweise nicht mehr auf den Pilz schliesst.  

Greifen die Sammler in Zeiträumen, in denen das Wachstum der geniessbaren Pilze eingeschränkt ist, vermehrt nach Pilzen, von denen sie die Finger lassen sollten?

Wir konnten mit einer Studie nachweisen, dass während der Zeitperioden, in denen weniger Pilze wachsen, auch weniger Vergiftungen auftreten. Das lässt den Schluss zu, dass die Sammler in diesen Zeiten nicht andere, ihnen unbekannte Pilze sammeln.

Auf welche körperlichen Symptome sollte man nach dem Verzehr achten?

Am wichtigsten ist, dass selbstgesammelte Pilze vor dem Konsum auf einer Pilzkontrollstelle gezeigt werden, selbst wenn man die Pilze zu kennen glaubt. Nur so hat man die Gewissheit, dass man nur Speisepilze verzehrt. Sollte sich jemand aber nach einer Mahlzeit mit nicht kontrollierten Pilzen plötzlich nicht mehr sicher sein, ob diese wirklich geniessbar waren, soll sich der Betroffene unabhängig davon, ob Symptome vorhanden sind oder nicht, umgehend bei Tox Info Suisse melden (Tel 145, rund um die Uhr) melden. Dann kann je nach Risikobeurteilung rasch die richtige, möglicherweise lebensrettende Behandlung eingeleitet werden.

Roland Schäfli