Bild: Urs Jaudas
Daniel Foppa vom Tages-Anzeiger referiert im Open Place.
1/1 Bild: Urs Jaudas Daniel Foppa vom Tages-Anzeiger referiert im Open Place.
09.10.2018 15:20

«Die Verantwortung der Medien besteht darin, sich stets um Glaubwürdigkeit zu bemühen»

Im Café-Treff Philosophie im Open Place spricht am 12. Oktober Dr. Daniel Foppa, Leiter der Inlandredaktion des «Tages-Anzeiger», zum Thema «Wahrheit im Journalismus». Als Einstimmung auf Freitagabend beantwortet er uns vorab einige Fragen dazu.

Herr Foppa, Wahrheit ist ein weiter Begriff. Was bedeutet Wahrheit im Journalismus?

Für mich bedeutet die journalistische Wahrheitspflicht, dass wir Medienschaffenden uns stets bemühen, nach bestem Wissen und Gewissen zum Kern einer Sache vorzudringen. Wir dürfen nicht voreingenommen sein und uns nicht vorschnell zufrieden geben.

Ein englischer Journalist hat mal gesagt: «Wenn jemand sagt, es regnet, und ein anderer sagt, es regnet nicht, genügt es nicht, beide zu zitieren. Wir müssen vielmehr zum Fenster rausschauen und feststellen, was wirklich zutrifft.» Das trifft es recht gut, finde ich.

Welche Rolle spielt für Sie dabei Objektivität und Subjektivität?

Objektiver Journalismus heisst für mich faktenbasierter Journalismus, der alle Stimmen mit ihren besten Argumenten zu Wort kommen lässt und nichts Entscheidendes weglässt. Damit kommt man der «Wahrheit» wohl am nächsten. Ein Journalist sollte jedoch auch eine Haltung haben, die er zum Beispiel in Kommentaren ausdrückt.

Ist es schwieriger geworden, den journalistischen Berufsethos einzuhalten mit Hinblick auf die Informationsflut und damit einhergehend, dass es schwieriger wird, Quellen zu verifizieren bzw. wird es denn überhaupt schwieriger?

Nein, es ist nicht schwieriger geworden. Denn mit der Zunahme der Informationen haben sich auch die Möglichkeiten der Recherche vergrössert.

Ich finde im Internet heute schneller als früher Experten und kritische Studien zu jedem Thema. Ich muss einfach die Zeit haben, intensiv danach zu suchen.

Gibt es mit der Digitalisierung, der Vernetzung etc. mehr Lügen (Fake News) als vorher oder halten sich Information und Desinformation Ihrer Ansicht nach die Waage?

Es gibt wohl gleich viele Lügen wie früher, aber es stehen mehr Kanäle zur Verfügung, um Falschnachrichten zu verbreiten. So hat ein Verschwörungstheoretiker früher in der Regel nur einen überschaubaren Kreis Gleichgesinnter erreicht, während ihn die Medien ignorierten. Heute braucht er die traditionellen Medien gar nicht mehr: Via soziale Medien kann er seine kruden Ideen ungefiltert verbreiten. Das gelingt auch Politikern wie Donald Trump oder dem voraussichtlich neuen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro sehr gut.

Ist die Digitalisierung eine Bedrohung für Qualitätsjournalismus oder eher eine Chance?

Definitiv eine Chance. Mit der Flut von Informationen im Internet ist es noch wichtiger geworden, dass ich als Medienkonsument Qualitätsmedien vertrauen kann – Medien, von denen ich weiss, dass sie Fakten checken und Behauptungen kritisch hinterfragen. Zudem erhöht die Digitalisierung die Verfügbarkeit des Journalismus. Ich kann heute jederzeit und überall mein Leibblatt online lesen, ohne dass ich auf die Postzustellung warten muss.

Welche Verantwortung gegenüber den LeserInnen hat ein Journalist – auch im Hinblick auf das grosse Informationsangebot/Unübersichtlichkeit von wahr und falsch, glaubhaft/unglaubwürdig?

Der entscheidende Punkt ist die Glaubwürdigkeit. Die Verantwortung der Medien besteht darin, sich stets um diese Glaubwürdigkeit zu bemühen. Das heisst: Alles unternehmen, damit das eigene Medium für die Leser zum verlässlichen Fixpunkt in der täglichen Informationsflut wird.

Sollte sich im Zusammenhang mit der Gewichtung von Themen eher der Attraktivität/Schlagzeile der Vorzug gegeben werden gegenüber dem eigenen Empfinden, was wichtig wäre, an die Öffentlichkeit zu bringen?

Das Kriterium ist die Relevanz. Das ist zwar ein weiter Begriff, aber im Qualitätsjournalismus herrscht doch relative Einigkeit darüber, welche Stoffe relevant sind und welche nicht. Ein relevanter Stoff wird aber schlecht gelesen, wenn er mit einer langweiligen Schlagzeile angepriesen wird. Attraktive Schlagzeilen und Leads, die Leser in den Text hineinziehen, sind bei schweren und relevanten Stoffen noch viel wichtiger.

Wie können Journalisten an einer soliden Vertrauensbasis zu den LeserInnen arbeiten?

Indem die Journalisten täglich aufs Neue mit guten Recherchen, einer überzeugenden Einordnungsleistung und auch mit Lesegenuss die Leser für sich einnehmen. Die Bedeutung von Qualität und Verlässlichkeit nimmt im Zeitalter von Fakenews und alternativen Fakten noch mehr zu.

Fragen: Judith Schuck