Bild: Ilja Mess
Peter Posniak, Odo Jergitsch, Andreas Haase, Peter Cieslinski.
1/1 Bild: Ilja Mess Peter Posniak, Odo Jergitsch, Andreas Haase, Peter Cieslinski.
02.10.2018 14:13

Universell deutbarer Beckett

«Hätte ich gewusst, wer Godot ist, hätte ich das Stück nicht geschrieben», sagte Samuel Beckett selbst über seinen 1953 uraufgeführten «doppelten Einakter» «Warten auf Godot». Am 28. September feierte die Inszenierung von Intendant Christoph Nix Premiere am Theater Konstanz.

Konstanz «Warten auf Godot» gilt als Klassiker des absurden Theaters. Der mysteriöse Godot, auf den die zwei Landstreicher oder Clowns Wladimir (Didi) und Estragon (Gogo) vergebens warten, wird dabei meist als Gott interpretiert. Eine Komposition aus dem englischen Wort «God» und der französischen Nachsilbe für die Verkleinerungsform «ot» würden hier auf das Warten auf das «Göttchen» schliessen lassen.

Des Wartens müde

Nix bleibt bei seiner Inszenierung ziemlich nah an dieser Auslegung. Wladimir, gespielt von Andreas Haase, und Peter Posniak als Estragon treten als abgehalfterte Clowns auf die Bühne. Der Ort, an dem sie auf Godot warten, ist undefiniert, im Nirgendwo bei einem Baum. Dieser verlockt Estragon immer wieder dazu, sich daran aufzuknüpfen, denn er hat genug vom Warten aufs Ungewisse, genug von der sinnlosen Existenz. Ein Baum lässt natürlich immer gleich an den Baum der Erkenntnis denken; im Bühnenbild des Theater Konstanz erinnert der Baum eher an einen Stift (Erkenntnis generierendes Schreibwerkzeug?) oder ein Schicksalspendel.

Ganz im Sinne des Autors, der sich das Stück zeitlos und universell deutbar wünschte, stellt Nix regionale Bezüge her, und deutet gar eine homosexuelle Beziehung der beiden Portagonisten an, um hier eine weitere Auslegungsvariante anzubieten. Der gängigen Interpretation, in der es in «Warten auf Godot» um die Auflösung von Zeit, die Sinnlosigkeit und Zufälligkeit des Daseins geht – um existenzialistische Fragestellungen – stellte 2008 der französische Theaterkenner Valentin Temkine eine ganz konkrete entgegen: Nämlich die, dass es sich bei Estragon und Wladimir um zwei Juden im Frankreich des Zweiten Weltkriegs handelt, die auf ihren Schleuser warten. Dazu findet er zahlreiche Beweise und auch biografische Parallelen bei Samuel Beckett, der sich der französischen Résistance anschloss, und nach einem Verrat bei einem Weinbauern unterkommt, der auch im Stück Erwähnung findet – in der Konstanzer Adaption als ein Herr Müller aus dem Thurgau, bei dem Didi und Gogo einst bei der Weinlese aushalfen.

Machtspielchen zur Unterhaltung

Ursprünglich war der französische Originaltitel schlicht «En attendant» statt «En attendant Godot», und Estragon hiess Levy – ein verbreiteter jüdischer Name. Mit Estragon bekommt er nun die Bezeichnung eines in der französischen Küche beliebten Krauts, das im Grunde aber kein Name ist, Wladimir behält seinen slavischstämmigen. Im Stück sprechen sie sich ohnehin nur mit Didi und Gogo an. Wenn man das Wortspiel von «Godot» weitertreiben möchte, könnte man hier auch bei Gogo an englisch go «geh» und bei Didi an das englische die, «sterbe», denken.

Ums Sterben und Fortgehen, dann aber doch Bleiben und Weiterwarten/-leben geht es aktuell im Theater Konstanz. Posniak und Haase ziehen die Zuschauer als «metaphysische Clowns» in ihren Bann – bis auf einige platte Jokes, die das Stück stören – da es bereits in sich komisch ist mit seinen grotesken Inhalten. Stark sind auch Odo Jergitsch als reicher Gutsherr Pozzo mit seinem Sklaven Lucky (Peter Cieslinski). Sie verkörpern die Inhumanität basierend auf Machtgefällen. Der ironischerweise Lucky getaufte Diener wird von Pozzo wie ein Tier behandelt: Er ist moderner Hofnarr, der die Zeit des Wartens auf Befehl vertreiben soll, mit Tanz und Vorträgen, geführt an einem Strick um seinen Hals; gleichzeitig ist er Packesel und Butler, ein All Inclusiv Paket, damit Pozzo sein kann, was er ist, nämlich mächtig.

Die Frage des in die Welt geworfen Seins wir hier verhandelt, aber auch der Wahl, sein Schicksal zu beeinflussen, denn Pozzo ist überzeugt, dass sein Sklave nur leidet, um ihm zu gefallen, damit er seinen Job behalten kann.

Gefallen, um einen Job zu behalten und sich vor den Gutsherren beugen – oder eben gerade nicht: auch hier vielleicht noch ein Bezug zur aktuellen Situation am Theater Konstanz, der Beziehung von Christoph Nix zu den Oberhäuptern der Stadt.

Infos/Karten: www.theaterkonstanz.de

Judith Schuck