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 A. Jens Koemeda.
1/1 Bild: jus A. Jens Koemeda.
25.07.2018 08:22

Motive, Ziele, Absichten

In seinem neuen Roman «Die Absicht» setzt sich der in Ermatingen lebende Autor Adolf Jens Koemeda mit der Flüchtlingsthematik auseinander. Der Bericht des jungen Bosniers Simmi wirft viele Fragen auf, auch in Bezug auf die Heterogenität von Migranten.

Ermatingen Der pensionierte Psychiater und Autor Adolf Jens Koemeda weiss, was es bedeutet, «Flüchtling» zu sein. Er selbst ist Exil-Tscheche, musste das Altvertraute verlassen und in der Fremde neu starten.

In seinem aktuellen Roman wählt er als Protagonisten wohl absichtlich einen Mann, der nicht vor Tod und Folter flieht, sondern einen jungen, gebildeten Bosnier, Simmi Kupka, der in seiner Heimat keine Zukunft für sich sieht und zudem auf der Suche nach seiner Liebe ist, die er inzwischen in Deutschland vermutet. Mit dieser Figur zeigt der Autor auf, dass es viele Motive für eine Flucht gibt.

Simmi ist überdurchschnittlich gebildet. Er bringt sich die deutsche Sprache selbst bei, über die Sendungen des österreichischen Fernsehens, das er in der bosnischen Heimatstadt Foca stets schaut. Sein Pädagogikstudium hat er noch nicht abgeschlossen; familiäre, finanzielle und emotionale Gründe bewegen ihn dennoch dazu, sich auf den ungewissen Weg in ein vermeintlich besseres Leben in der Fremde aufzumachen. Hinzu kommt, dass sein bester Freund Vasil bereits in Deutschland ist.

Vasil hat es geschafft. Von ihm bekommt er regelmässig per Handy Fotos aus dem wohlhabenden Mitteleuropa geschickt, von vollen Schaufenstern, schicken Autos, modernen Wohnungen.

Der Roman ist als Bericht verfasst. Ein Rückblick von Simmi in einfachem, nüchternen Deutsch, was Rückschluss auf seine Situation als «Nicht-Muttersprachler» zulässt. Deutsch ist nicht die Sprache, mit der er seine Emotionen und feine Nuancen präzise ausdrücken kann, sie ist Werkzeug.

Der feine Unterschied

Seine Fluchtgründe reflektierend, sagt er: «Klar war mir bloss: Du bist unzufrieden.» In Foca gibt es vor allem viel Armut, Alkoholismus und kaum Arbeit. Neben den verführerischen Fotos Vasils lockt ihn die Hoffnung, seine urplötzlich verschwundene Freundin Attila in Deutschland wiederzutreffen. Und so flieht auch er.

«Ich unterschied mich also deutlich von den anderen Mitflüchtlingen, Afrikaner», schreibt er in seinem Bericht über die Zugfahrt über Italien in die Schweiz, er selbst mit Buch und Kamera als Tourist verkleidet. «Es waren sehr junge und einfach gestrickte Burschen, irgendwie taten sie mir leid.»

«Die Absicht» beleuchtet durch das Individuum Simmi, dass auf der einen Seite Flüchtling nicht gleich Flüchtling ist, und auf der anderen Seite doch. Er sieht sich als überlegen, weil er sich vorbereitet fühlt, die Sprache spricht, gebildet ist, eine ähnliche Kultur hat. Und doch muss er durch die gleiche Maschinerie hindurch wie alle. Auf seiner Reise macht er Halt in der schweizer Stadt K, informiert sich über das dortige Empfangs- und Verfahrenszentrum in einem Flüchtlingscafé namens «AGATHU». Hier kommen wieder seine Vorurteile an die Oberfläche, als er sich mit einem ehrenamtlichen Mitarbeiter im Café unterhält: «Herr Bohlen meinte, mit der Zeit würden diese jungen Menschen auch einen positiven Beitrag zur Schweizer Wirtschaft leisten. Hier äusserte ich allerdings Zweifel: –

Voraussetzung wäre doch das Erlernen der Sprache, und da schienen die Anstrengungen nicht besonders gross; einen Deutsch büffelnden Migranten habe ich in diesem Lokal nirgend gesehen. Er sagte, bei uns haben sie die erste Station und der erste Ruheort nach einer langen und lebensgefährlichen Reise. Jetzt sei vor allem Erholung angesagt.» Dieser Abschnitt gibt einen wichtigen Hinweis auf die tatsächliche Situation in K. Denn hier geht es nicht um Integration: Die Menschen, die im EVZ unterkommen, sind in der Regel aus Krisengebieten, haben traumatische Erlebnisse hinter sich und warten hier erst einmal, wie es weitergeht. Alles ist noch ungewiss.

Der Wert von Stolz

Simmi zieht weiter, nach Deutschland, wo er sich mehr Chancen auf Asyl und später einen Job ausrechnet, und wo Vasil und vielleicht sogar seine Attila bereits sind. Angekommen in Nürnberg wird ihm bald klar, dass die Handybilder Vasils nicht seine Realität darstellen. Es ist nicht alles so einfach. Auch wenn er sich bisher als «besseren» Flüchtling fühlte, wird ihm bald bewusst, dass der Weg zu einem selbstbestimmten Leben mit Job und Wohnung ein langer, schwieriger und vielleicht gar nicht meisterbarer ist. Vasil betrinkt sich bald täglich, sodass seine Freundin sich zunehmend vor ihm zurückzieht. Simmi erfährt am eigenen Leibe, dass er hier machtlos ist, den Verhältnissen ausgeliefert. Er beginnt seine Flucht zu hinterfragen – ob das Leben hier in der Abhängigkeit von anderen und abhängig von deren guten Willen wirklich ein besseres ist als in Bosnien? Aber zurück in die alte Heimat bedeutet «für mich eine riesige Blamage ... das geht wirklich nicht.»

Flucht ist ein komplexes Thema mit vielen Facetten, das macht der Roman deutlich. Und dass man schwach ist, in der Fremde.

Adolf Jens Koemeda, «Die Absicht», Münster Verlag Basel 2018.

Judith Schuck