Bild: Ilja Mess
Harald Schröpfer, Nikolai Gemel und  Axel Julius Fündeling.
1/2 Bild: Ilja Mess Harald Schröpfer, Nikolai Gemel und Axel Julius Fündeling.
Bild: Ilja Mess
Axel Julius Fündeling, hinten Harald Schröpfer, Nikolai Gemel: Erschreckende Erkenntisse.
2/2 Bild: Ilja Mess Axel Julius Fündeling, hinten Harald Schröpfer, Nikolai Gemel: Erschreckende Erkenntisse.
16.10.2018 09:08

Das menschliche Herz ist das übelste

In der Spiegelhalle wird im Oktober das Stück «Hundeherz» gespielt. Die Inszenierung von Andrej Woron bleibt sehr nahe an Michail Bulgakows gleichnamigen Roman; die satirische Komik und Ironie der Botschaft ist kurzweilig und originell umgesetzt.

Konstanz Zartbesaitete müssen sich vielleicht hin und wieder ein wenig abwenden, z.B. wenn das hässliche Geräusch der Knochensäge zu hören ist oder manch einen mögen auch die grotesken Puppen einer zombiehaften Parade abstossen; sie können aber auch für ein breites Schmunzeln sorgen.

«Hundeherz» schrieb Bulgakow 1925. Das Buch war bis 1987, und damit bis 47 Jahre nach seinem Tod, in der Sowjetunion verboten. Der scharfsinnige Autor starb 1940 arm und verstossen; sein letztes Werk, «Meister und Margarita», entstand quasi auf dem Totenbett, seine Stücke wurden ab 1930 alle verboten.

Das Sowjetregime schätzte seine kritische Haltung gar nicht und machte sie ihm zum Verhängnis. Dennoch schrieb der studierte Mediziner gegen seine Gegner an.

Die Wissenschaft beweist

In «Hundeherz» sammelt Filipp Filippowitsch, ein renommierter Chirurg für Verjüngung und Fertilität, einen räudigen Streuner von den Moskauer Strassen auf.

Ursprünglich benötigt er den Hund lediglich für seine Experimente, doch wächst ihm der ausgehungerte und geschundene «Lumpi» bald auch ans Herz.

Als der kleinkriminelle Balalaikaspieler Klim Grigorjewitsch Tschugunkin bei einer Schlägerei ums Leben kommt, geht es Lumpi an den Kragen: Filippowitsch und sein Assistent Dr. Bormenthal, transplantieren dem Hund Hoden und Hirnanhangdrüse von Klim. Allmählich verwandelt sich der Hund zu einem auf zwei Beinen laufenden, sprechenden Menschen – ausser wenigen Ausnahmen wie das Katzenjagen nimmt er fast ausschliesslich die Eigenschaften seines Organspenders an und macht dem Chirurgen das Leben zur Hölle. Filippowitsch wird klar, dass es nicht das hündische Herz ist, das «tierisch» und arglistig ist, sondern das menschliche.

Monströser Neuer Mensch

Bulgakow kritisiert mit seinem Roman herbe die kommunistische Ideologie des «Neuen Menschen». Das faszinierende am Stoff ist, dass er so dystopisch scheint, aber überhaupt nicht weit weg ist von der Realität. Es wurde in der jungen Sowjetunion mit Affenhoden und sonstigen Drüsen und Organen experimentiert, um den Menschen von seiner Vergänglichkeit zu befreien und die Natur zu besiegen.

Diese Kuriosität wird von den SchauspielerInnen gut rübergebracht, jede Rolle überzeugt. Harald Schröpfer als grossbürgerlicher Wissenschaftler Filipp Filippowitsch, Axel J. Fündeling als Dr. Bormenthal, Renate Winkler, die die Haushälterin Sinja spielt und Nikolai Gemel, der den Lumpi und Lumpikow mimt. Witzig ist auch die Hausverwaltung mit ihrem Vorsteher Schwonder (André Rohde): Jedes Mitglied hat seinen individuellen Tick, obwohl Individualität zugunsten der kommunistischen Gemeinschaft doch gerade durch sie bekämpft werden soll.

Ein gelungenes Stück über einen unglaublichen Stoff.

Spieltermine: 11./16./18./24./26. Oktober 20 Uhr und 14./21./28. Oktober 18 Uhr in der Spiegelhalle am Hafen

Judith Schuck